Ich betrete den Wald und sehe ein paar alte Betonpfeiler aufgestellt in Reih und Glied.
Restzivilisation denke ich.
I
rgendwelche Überbleibsel von irgendjemanden der hier vor langer Zeit irgendwelche Behausungen eingezäunt hat.

Aber mit Zivilisation hat das nicht viel zu tun denn ich sehe auch, dass es nicht nur ein paar alte Zaunpfähle sind welche man hier vergessen hat, sondern das mich die Betonpfeiler auf meinem gesamten Weg durch den Wald begleiten werden.

In Zweierreihe. Fast lückenlos. Grau an Grau.

Als ich erkenne was diese Pfeiler bedeuten läuft mir ein Schauer über den Rücken; stumme Zeugen aus der Vergangenen, als das hier alles noch zum Grenzgebiet der DDR gehörte.

Ich befinde mich im Vierwald, keine 3 Kilometer entfernt von meiner Wohnung in der westmecklenburgischen Kleinstadtstadt Boizenburg an der Elbe.
Es ist Ende Februar, das Wetter meint es heute ausnahmsweise mal gut mit mir, ich will viele Fotos machen und ich bin heute zum ersten Mal in meinem Leben hier.

Eigentlich ist der Vierwald ein herrliches Fleckchen Erde.
185 Hektar malerisch gelegene Landschaft direkt am Hang, hoch über der ungedeichten Elbe, im Naturpark Mecklenburgisches Elbetal.
Hier findet man Buchen, Stieleichen, Ulmen oder Ahorn.
Hier findet man Hügel die so hoch sind das der Mecklenburger ins staunen gerät.
Hier lebt die Eule, hier lebt der Eisvogel und angeblich lebt hier auch der Biber.

Ich gehe abseits des ehemaligen Kolonnenweges und frage mich dabei ob dies hier wohl erlaubt ist. Verbotsschilder sehe ich jedenfalls nicht.
Bis 1989 gab es  hier davon garantiert jede Menge.
Da kam man nicht mal ansatzweise in die Nähe irgendeines Wanderweges – da gab es wohl nicht mal welche. Das war alles Sperrgebiet.
Statt Radfahrer und Wanderer gab es hier DDR-Grenzsoldaten und Trassenhunde, arme Kreaturen die zwischen Doppelsperrzäunen wie diesem hier hin-und herliefen – die Hunde wohlgemerkt und nicht die Soldaten.

Ich folge den Überresten des Zaunes.
Links neben mir, von Bäumen verdeckt und am Fuße des Elbhang, fließt die Elbe.
Sie fließt recht schnell und ich frage mich ob ich die knapp 250 Meter bis zum andere Ufer – dem Westen – zumindest schwimmtechnisch geschafft hätte.
Eine gute Frage.
Sicher ist das ich heutzutage keine 50 Meter mehr schwimmen könnte.
Das merke ich schon daran, das mir die Puste beim Abstieg in eines der Täler ausgeht.

Kerbtäler sind charakteristisch für den Vierwald.
Entstanden durch Erosion und Wasser durchbrechen sie in regelmäßigen Abständen den Wald und enden unten am Fluss.

Ich folge dem Verlauf des Tales bis hinab ans Wasser wo sich vor mir ein kleiner Sandstrand mit freiem Blick über die Elbe erstreckt.
Bis vor einigen Wochen war hier noch Land unter.

Das Hochwasser welches wir im Januar hatten hat auch hier seine Spuren hinterlassen.
Große Mengen an Treibholz, Strandgut aus allen Herren Ländern, Massen an Plastikflaschen, Feuerzeugen, Bällen, Schneckenhäusern und Flaschenpost.

Alleine an diesem vielleicht 50 Meter langem und 10 Meter breitem Strand finde ich 5 Flaschen mit Zettel drin.
Alle aus dem 10 Km entfernten Lauenburg/Elbe.
Alle am selben Tag ins Wasser geworfen.
Und alle vom dortigen Kindergarten “Graf-Bernhard-Ring
Kinder, eure Aktion “Wir reisen um die Welt” hat es leider nur bis zu uns nach Boizenburg geschafft.

Aber eigentlich erstaunlich wenn man bedenkt, dass die Elbe in die andere Richtung fließt.

Ich stehe am Wasser, fotografiere und grüße die Wasserschutzpolizei die in ihrem Boot gemütlich an mir vorüber dümpelt.
Die Schnellste ist die “Hannover” heute nicht – aber wozu auch, es ist Sonntag.

 

Aus den Augenwinkeln nehme ich plötzlich einen Lichtblitz wahr.
Da, zirka 30 Meter rechts von mir entfernt spiegelt sich etwas in der Sonne.
Es sieht aus wie ein großes Silberkreuz.
Ich gehe dichter ran.
Es ist ein Silberkreuz!
Noch dichter ran!
Ich wähne mich kurz im Reichtum oder zumindest auf einem goldenen Museumsschild, verewigt als edler Spender.

Aber Plastik macht weder reich noch edel.
Ein großes Plastikkreuz, entsorgt oder verloren gegangen, lehnt vor mir an einem Baum.
Aufregend aber wertlos.
Jedenfalls für mich.
Leider.

 

Ich verlasse den Strand denn der Köpelberg ruft.
Der Köpelberg ist ein Aussichtsturm im Vierwald und als solcher auch ausgeschildert.
Was ich allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß; diesen Turm gibt es nicht mehr.
Der wurde bereits 2009 aus verkehrssicherungspflichtigen Gründen zurückgebaut.

Ich werde also am Ende meiner Tour auf einem turmfreien Hügel stehen, um mich herum hochgewachsene Büsche die gerade mal einen briefmarkengroßen Blick auf die Elbe gewähren.

Das ist zwar schade aber es trübt auf keinen Fall den Spaß den ich hatte.

Der Weg war heute definitiv das Ziel.

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